Bernina B9 Greifer "Weltneuheit" ?
#1 Beitrag von uu4y » Samstag 18. April 2026, 15:14
dieser Greiferantrieb wird dadurch als einzigartig(und wurde auch patentiert) dargestellt, dass 2 oszillierende Nocken den Spulenkorb in seiner -mehr oder weniger- starren Position halten;
diese Mechanik mit 2 oszillierenden Nocken bzw. Haken besassen/besitzen jedoch auch schon in den 80er/90ern einige frühen Elnas der "Computerreihe", wobei dieser technisch aufwändigere, jedoch nähtechnisch durchaus bessere Antrieb bei den späteren Ausführungen durch ein technisch viel einfacheres Anhaltestück ersetzt wurde(die originalen Spulenkörbe passen in beide Versionen);
die Versionen mit dieser aufwändigeren Oszillation sind mit einem Metall-Aufklappdeckel (per Tastendruck) und einem runden Guckloch ausgestattet; die späteren besitzen nur eine Plastik-Schiebeabdeckung...
vermutlich kam da -nach der Insolvenz von Elna bzw. Tavaro um 2000 herum- bei der viel späteren Einführung des B9 irgendeine Einigung zustande... ?
wer weiss darüber etwas ?
Zu den Elna Greifern habe ich bisher keinerlei brauchbare Informationen gefunden. Ein einziges recht aussageloses Photo wo man die Maschine mit dem Klappdeckel und der Taste sieht. Der Greifer ist zu klein um Details zu erkennen und erinnert mich optisch an die Singer-Haushalts-Horizontalgreifer.
Da ich mich mit Haushaltsmaschinen beruflich nie beschäftigt habe, kann ich auch nichts dazu beitragen wer da von wem was abgekupfert/geklaut/abgekauft hat.
Mich hat bei dem B9 Video primär die "grossartige neue Erfindung mit den beiden Haltenocken" stutzig gemacht ... die mir doch irgendwie bekannt vorkam.
Da hat natürlich uu4y völlig recht mit seiner Aussage das es die schon in den 80er/90er Jahren gab. Blos waren das schon die
1880er und 1890er Jahre !
So findet man in der 7. Auflage von Renters "Der Nähmaschinen-Fachmann" aus dem Jahr 1953 verschiedene Greifertypen mit sehr ähnlichen Eigenschaften erklärt.
Konkret auf den Seiten 61-65 :
Seite 61 - Der
Ringgreifer (Wheeler & Wilson Klasse 12) Ein umlaufender Ringgreifer mit Treiber den es seit 1885 gibt.
Seine Bewegung ist ungleichförmig, das Drehzentrum des Treibers liegt exzentrisch zum Drehzentrum des Greifers, dadurch ist jeweils für den ungehinderten Fadendurchschlupf immer nur ein Treiberfinger in Anlage; der Oberfaden kann ohne Hemmung umführt werden.
Ringgreifer W&W 12.jpg
Seite 62 - Der
Standardgreifer (Standard Mfg. Co.) seit 1885
zwei bewegliche Stifte, die von einem Kurvengetriebe gesteuert werden und wechselweise in zwei entsprechende Bohrungen im Greiferrücken eintreten.
Standard-Greifer.jpg
Seite 62 - Der
White–Greifer White-Bahngreifer mit Spulenkapsel seit 1900
Der White-Greifer wird ebenfalls durch Treiberstifte angetrieben. Die Stifte sind aber unbeweglich. Die Greiferbahn ist geneigt zur Bewegungsebene des Treibers angeordnet. Dadurch ist immer nur ein Stift im Eingriff und der reibungslose Fadendurchlaß gleichfalls gesichert.
White-Greifer.jpg
Darüber hinaus erfährt man auf Seite 63 - Bei schwingenden Bahngreifern ist durch die oszillierende Bewegung von Greifer und Treiberfinger der ungehinderte Fadendurchlaß auf einfache Art und Weise gesichert.
Systemimmanent liegt bei diesen Greifertypen immer nur eine Seite des Treibers am Greifer an.
Bahnschwinggreifer:
Zentralspulengreifer (C. B.) mit Treiber seit 1887
Ringschiffchen (deutsche Ausführung) mit Treiber und Spule seit 1878
Barrel-Greiferschiffchen seit ??
Also ist der Bernina B9-Greifer, aus der Sicht des Konstrukteurs, vielleicht doch gar nicht so neu und einzigartig ?
Das man auf grösseren Spulen mehr Faden aufwickeln kann ist für mich auch keine umwerfende neue Erkenntnis. ... Und das die Plastikspulenkapsel 115,-€ kostet halte ich schon für unverschämt. Um das Geld kann ich mir schon über 20 normale Stahlspulenkaspeln kaufen, welche ich persönlich bevorzugen würde.
Ich halte viele ältere Berninas (vor allem Industriemaschinen) für sehr gute Maschinen.
Anstelle des B9-Greifers würde ich aber die Pfaffschen 134 Greifertypen mit gefederten Bahnabdeckungen eindeutig bevorzugen.
Die kenne ich seit Jahrzehnten (zu tausenden von meinen Stickautomaten) und weiß wie hochwertig, zuverlässig, langlebig und günstig die sind.
Zu der Patentrechtlichen Frage von
uu4y kann ich zum konkreten Fall nichts sagen weil ich nichts darüber weiß. Aber ich habe viele Sachen für meine Firmen konstruiert welche dann auch patentiert wurden und kann auch ungefähr abschätzen wie einfach man manchmal neue Patente mit relativ geringfügigen Änderungen durchbringen kann. Dafür gibt es ja auch spezialisierte Patentanwälte, oder oft wird sowas auch ganz einfach über Lizenzgebührzahlungen geregelt.
Letztendlich gibt es ohne Kläger keinen Richter ... und die von mir hier gezeigten Greiferpatente sind allesamt schon sehr lange abgelaufen.
Herzliche Grüsse vom Sputnik
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