Philosophie der Stichlängeneinstellung einer Naumann Kl. 9

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Ramses
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Philosophie der Stichlängeneinstellung einer Naumann Kl. 9

#1 Beitrag von Ramses »

Hallo Forum,

ich habe hier eine Naumann Kl. 9, also eine Schwingschiffchen Nähmaschine. Es dürfte sich einer der letzten hergestellten Maschine dieser Technik von Naumann handeln.
Sie hat also bereits eine Transporteurversenkung und naumanntypisch verfügt sie über einen Hebel, der die Füßchenstange oben hält, zum Sticken oder Stopfen.
Das nur zur Einordnung.

Ich habe ein wenig v.a. mit der Stichlängeneinstellung gekämpft, weil mir die Prioritäten dabei nicht ganz klar waren.
Ich hoffe, es jetzt verstanden und richti umgesetzt zu haben.
Daher dieser Thread.

Erstes Problem ist schon einmal der Skalenträger.
2204a.jpg
Ich hatte vermutet, daß die Schraube für symmetrische Stiche (vorwärts/rückwärts) dient.
Das Problem hier ist die Schraube.
Normalerweise ließe sie sich in Stellung '0' so festdrehen, daß sich der Hebel nicht mehr bewegen lässt.
Das ist hier bei knapp einem halben Millimeter der Fall.
Korrigieren ließe sich das nur, indem man die verchromte Skala auf dem Träger verschiebt. Das lasse ich aber schön bleiben, weil man das nicht ohne Beschädigung hinbekommt.
Entweder hat man bei Naumann da gepfuscht oder keinen großen Wert auf eine etwaige Symmetrie gelegt.

Denn diese ist anscheinend auch nicht machbar.
Zuerst habe ich die Maschine so eingestellt, daß sie die gleiche Stichlänge im oberen und unteren Anschlag macht, natürlich in entgegengesetzter Richtung.
Dann komme ich aber auf eine maximale Stichlänge von nur rund 3,25 mm.

Da die Skala in Vorwärtsrichtung aber eine '4' zeigt, meine ich, daß sie auch eine Stichlänge von vier Millimetern nähen sollte.
Das lässt sich einstellen, sie könnte sogar noch längere Stiche nähen, bevor sie anfängt zu klingeln!
Also habe ich sie so eingestellt.
Eine Symmetrie ist so (oder so) aber nicht machbar, rückwärts näht sie so weit unter vier Millimeter pro Stich.

Aber ich denke, daß das mindestens nahe an der Philosophie dieser Maschine ist.

Skurriler Effekt nebenbei:

Bei da noch gut drei Millimetern eingestellem Stich ließ sie massiv Stiche aus.
Ich habe die Kinetik dann genauer in Augenschein genommen und festgestellt, daß die Maschine bereits anfängt zu transportieren, bevor die Nadel vollständig den Stoff verlassen hat.

Nähmaschinen haben was von einem mechanischen Sudoku, finde ich.
Zum Glück musste ich nicht lange grübeln.
Der Transport wird über einen Exzenter und eine Gabel erzeugt. Dieser Exzenter ist mit einer Madenschraube an die Armwelle fixiert. Den kann man einfach (jedenfalls nachdem man die Verharzungen an der Stelle löst - das warme Wetter kam dem Haartrockner merklich zur Hilfe) zurückstellen.
Jetzt näht die Maschine korrekt.

Bei diesem Teil habe ich wieder viel lernen können.
Und ich hatte viel Arbeit mir ihr, habe hier mal eine Frage gestellt, weil die Handradabdeckung beim Versand gebrochen war. Es handelt sich hier noch immer um dieselbe Maschine!
Eine von einer ganzen Reihe an Baustellen.
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sputnik
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Re: Philosophie der Stichlängeneinstellung einer Naumann Kl. 9

#2 Beitrag von sputnik »

Nähmaschinen sind nicht zum Retournähen gebaut und können das auch nur sehr mangelhaft und störanfällig (wegen der Stichbildung, Faden aufdrehen etc).
Deshalb verzichtet man oft überhaupt auf Retournähen um die Maschine nicht (z.B. durch einem blockierten Greifer) zu beschädigen.

Alte Schneider haben mir immer wieder erzählt dass sie keine Maschinen wollen die Retournähen können, weil das viel zu Fehleranfällig ist.

Da man bei der Konstruktion auch durch verschiedene Faktoren begrenzt ist verzichtet man auch heute noch bei vielen Maschinen auf die Möglichkeit retour nähen zu können.

Man könnte problemlos eine Maschine bauen welche perfekt Retournähen kann ... aber will das schon wenn diese Maschine dann beim Vorwärtsnähen maximal 20 Stiche schafft ohne abzureissen? wink

Das mit dem früher transportieren (bevor die Nadel komplett den Stoff verlassen hat) ist bei vielen Maschinen konstruktionsbedingt vorgesehen, weil es sich sonst mit den Zeiten und dem Fadenanzug nicht anders ausgeht.

Üblicherweise wird bei den meisten Nähmaschinen der Transport so spät wie möglich eingestellt was ebenfalls mit den zur Verfügung stehenden Zeiten zusammenhängt.

Die Skalen sind häufig nur als Hilfsmitel gedacht und haben oft (auch heute noch) nichts mit der reellen Stichlänge zu tun (welche ohnehin auch Materialabhängig ist). In Deutschland waren im 19. Jhdt. oft die Maße von Stadt zu Stadt extrem unterschiedlich. Die erste deutsche Norm (damals als DI-Norm 1 für Kegelstifte) erschien am 1. März 1918. Das übergeordnete Deutsche Institut für Normung (DIN) wurde am 22. Dezember 1917 unter dem Namen „Normenausschuss der deutschen Industrie“ (NADI) gegründet.

Herzliche Grüsse vom Sputnik

P.S.: Wilhelm Renters lesen ! Der fasst für alle Maschinentypen die wichtigsten Einstellungen und Notwendigkeiten sehr schön zusammen
Zuletzt geändert von sputnik am Dienstag 23. Juni 2026, 23:27, insgesamt 1-mal geändert.
Und sehen wir uns nicht in dieser Welt
dann sehen wir uns in Bielefeld! (Udo Lindenberg)

Ramses
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Re: Philosophie der Stichlängeneinstellung einer Naumann Kl. 9

#3 Beitrag von Ramses »

Danke für die Antwort!
sputnik hat geschrieben: Dienstag 23. Juni 2026, 11:55 Nähmaschinen sind nicht zum Retournähen gebaut und können das auch nur sehr mangelhaft und störanfällig (wegen der Stichbildung, Faden aufdrehen etc).
Deshalb verzichtet man oft überhaupt auf Retournähen um die Maschine nicht (z.B. durch einem blockierten Greifer) zu beschädigen.

Alte Schneider haben mir immer wieder erzählt dass sie keine Maschinen wollen die Retournähen können, weil das viel zu Fehleranfällig ist.
Nicht, daß ich dauernd rückwärts nähe, aber bei den DDR Veritas Nähmaschinen hatte ich da noch keine Probleme.
Vielleicht ist das bei höheren Geschwindigkeiten ja anders.
sputnik hat geschrieben: Dienstag 23. Juni 2026, 11:55 Das mit dem früher transportieren (bevor die Nadel komplett den Stoff verlassen hat) ist bei vielen Maschinen konstruktionsbedingt vorgesehen, weil es sich sonst mit den Zeiten und dem Fadenanzug nicht anders ausgeht.
Da war zwar doch weniger Platz (an Zeit) als von mir angenommen, aber das ging dann problemlos.
Als ich feststellte, daß die maximale Stichlänge eher enttäuschend war, habe ich das nochmals kontrolliert.
Übertreibt man es, dann senkt sich der Transporteur bereits, bevor er zuende transportiert hat.

Nein! Die Nadel hat sich schon gebogen, bevor sie den Stoff verlassen hat, das konnte man so nicht lassen!
sputnik hat geschrieben: Dienstag 23. Juni 2026, 11:55 P.S.: Wilhelm Renters lesen !
Gelesen, aber nicht auswendig gelernt! smile

Was er zur Schwingschiffchen (und wohl auch zu Langschiffchen) schreibt, also die Sache mit dem "Zappler" der Nadelstange um den UT, hat mich zu der Vermutung gebracht, daß der Transport bei der Nadel im Stoff evtl. die Ursache der Stichaussetzer bei langen Stichen ist.
Jetzt habe ich daran Zweifel, sehe das als Spekulation meinerseits.
Wahrscheinlich lag es eher an der Nadel (aus einer zweifelhaften Ecke meines Bestands - Nähmaschinen nähe ich nicht gern mit ganz edlen Nadeln ein).

sputnik
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Re: Philosophie der Stichlängeneinstellung einer Naumann Kl. 9

#4 Beitrag von sputnik »

Das nicht jede Maschine bei einem Fadenbruch gleich Schrott ist schon klar. Aber grundsätzlich kann man eine Maschine nur für eine Nährichtung optimal konstruieren. Alle Konstrukteure seit ~1860 kennen dieses Problem und lassen deshalb im Zweifel retournähen weg. Bei einigen Firmen war das auch der Grund warum sie so lange kein Retournähen einbauten.

Die Aussagen der alten Schneider zeigen aber schon die Problematik. Die plappern nicht irgendwas nach sondern kennen das Problem aus eigener Erfahrung. Bei schweren Ledernähmaschinen wird das besonders deutlich. Da hatte ich einige Kunden mit neuen Adlern die maximal 5 Stiche retour nähen konnten, was aber auch von der Firma Adler in den Prospekten/Anleitungen erklärt wurde. Die Möglichkeit zum retournähen war bei diesen Maschinen offiziell auf maximal 5 Stiche begrenzt.

Ein Problem beim Retournähen ist die Stichbildung an sich
Knotenstich.jpg
das andere Problem ist das aufdrehen des Fadens was bei schweren Maschinen unweigerlich zu Problemen führt.
Das passiert natürlich nicht nach einem Stich, Verriegeln ist also erlaubt ... aber länger nähen bei dickem Leder führt unweigerlich zu Problemen.
Diese Vorgänge kann man auch mit einem Stroboskop in Echtzeit beobachten, was für meine Lehrlinge immer ein Pflichtprogramm war. Wenn man das nicht selbst gesehen hat glaubt man gar nicht wie sehr sich eine Schlingenbildung mit der Geschwindigkeit und durch kleinste Einflüsse (z.B. Luftfeuchtigkeit oder Fadenanzugsfeder) verändert.

Du hast aber natürlich auch recht das es bei vielen Maschinen eine untergeordnete Rolle spielt, weil die relativ robust sind, nur langsam nähen (keine grosse bewegte Masse) und der verwendete Faden dünn genug ist. Wenn ich auf meiner 138 eine Hose mit eine, 180er/120er Faden flicke ist die Wahrscheinlichkeit dass die dabei Maschine Schaden nimmt recht gering. Und falls es doch einmal so wäre, greife ich in die Ersatzteillade und habe noch einige neue Greifer in Reserve (die Greifer gibt es mittlerweile in China um unter 10,-€).

Was Stichauslassen angeht gibt es ganz viele Möglichkeiten ... das muss gar nichts mit der Maschine zu tun haben. Häufig falsche Nadel, ungeeigneter/schlechter Faden, schnittbedingt (dick/dünn) flatternder Stoff oder einfach schwieriges Material.

Herzliche Grüsse vom Sputnik
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