Re: Neu-Zugang
Verfasst: Freitag 20. Januar 2017, 10:54

Haid und Neu (zwei Mechaniker haben bereits 1860 eine Reparaturwerkstatt für Nähmaschinen aufgemacht und ab 1860 begonnen, Nähmaschinen selbst herzustellen. Es wurden unterbrochen vo Kriegsproduktion im WK1 ca. 20.000 Maschinen im Jahr hergestellt - und zumeist gingen die wie auch bei Gritzner in den Export. (Gritzner begann erst 1872!) - wurde aber die größte deutsche Nähmaschinenfabrik mit Anfang des Jahrhunderts 600 NMS/Tag - Mehr als die Gesamtproduktion der Bielefelder Nähmaschinenindustrie der Zeit.
Im Krieg WK2 wurde die NMS-Industrie in Karlsruhe schwer getroffen - Haid und Neu wie auch Gritzner hatten da keine bzw kaum Fertigung mehr - erst ab 48 scheint auch Haid und Neu wieder auf die Beine gekommen zu sein. Da aber 1952 ein deutlicher Umsatzeinbruch für den gesamten Nähmaschinenmarkt in Deutschland kam, wurde es für alle Hersteller schwer. Außerdem hat es auch bei Haid und Neu kräftig gebrannt - sogar mit Todesopfer. Haid und Neu hatte noch eine Tochterfirma "Torpedo", die auch NMS herstellte. Der fehlende Absatz in D aber hat für so viele Hersteller nicht gereicht. 1958 wurde Haid und Neu von Singer aufgekauft, Gritzner-Kayser von Pfaff und 1960 war wohl das endgültige Ende von Haid und Neu.
Betrachte ich die Steuerungen der diversen Marken, so fällt auf, dass diese bei der Primatic 12 Steuerscheiben sich auf Stichbreite und Lage beschränken - verglichen z.B mit der ELNA 2 irgendwo ein Nachteil, da bei der ELNA in der zweiten Ebene der Steuerscheibe auch die Stichlänge automatisch anpasst. Doch denke ich, ist dieser "Mangel" nicht der Grund, warum die Nähmaschine hier in D so abfiel.
In den Unterlagen, die ich vom Stadtarchiv zu Gritzner ausgeliehen bekam fand ich folgendes als Zeitungsartikel: Gritzner hat von der GfK (Gesellschaft für konsumforschung) damals Daten erheben lassen - zum einen gab es da die statistischen Werte, dass 1953 die durchschnittliche Kaufkraft bei 420Mark/Mon lag (was ich für recht hoch halte, da ein Facharbeiter ca 300DM brutto im Monat verdiente) von denen 43% für Ernährung, 15% fürs Wohnen, 3,5 für Genussmittel(Tabak) und 3,5% für Ratengeschäfte verwendet wurden. Bezogen auf die Nähmaschine wollten damals nur 6% der Kunden elektrischen Motor, 90% wollten Fußantrieb. Und ich denke es hat sich damals auch ein Wandel in den Interessen der Familien ergeben - Der Umschwung zur mobilen Gesellschaft mit den Kleinwagen der damaligen Zeit - weg vom Motorrad - geschütztes Reisen trat in den Vordergrund.
Und die Konfektionskleidung war dank Versandhandel stark im Kommen - zumal zwar zu der Zeit die Näh-interessierten für Stickerei oder Ziermustern die Geradstichmaschinen nutzen konnten, mit Zickzack das wesentlich erleichtert wurde - da waren die automatischen Maschinen "reiner Luxus" - der längst nicht mehr den Trend und die notwendige Um-Näherei mit Verziererei der Kleidung (aus allen möglichen Stoffen umgearbeitet) nach dem Krieg fortsetzte. Moderne Stoffe der 50iger Jahre haben diese "Stickerei" durch klare Linien abgeschafft - in den 60igern kamen die klaren Linien der skandinavischen Möbel nach D und ersetzten das Gelsenkirchner Barock.