Servus Gert,
ich nehme an das der Fadenumlenkbügel mit Haushalts-/Gewerbe-/Industrieausführung zu tun hat.
Bei der
Industrieversion wird die Fadenanzugsfeder EINMAL eingestellt und dann vielleicht in 5 Jahren wieder wenn sie ausgetauscht wird, weil immer ein ähnliches Material verarbeitet wird.
Bei der
Haushaltsversion/Gewerbeversion (Änderungssschneider) muss man OFT von einem Stück zum nächsten die Fadenanzugsfeder NACHSTELLEN damit eine brauchbare/zuverlässige Naht zustande kommt.
Dafür haben Pfaff und andere Hersteller bei vielen Maschinen einen manuelle Verstellmechanismen eingebaut, damit man nicht jedes Mall alles zerlegen muss. Bei Haushaltsmaschinen hat sich schon lange der Umlenkbügel etabliert, der ja an der Presserfusstange montiert ist und deshalb den Weg der Fadenanzugsfeder (bei jeder Naht) automatisch an die Materialstärke anpasst.
Das bedeutet
dieser Bügel trägt wesentlich zu besseren Nähten und weniger Ärger bei, auch wenn man ihn im Alltag kaum wahrnimmt.
Trotzdem muss man wenn man zwischen dünnem Stoff und dicken Planen wechselt, für eine perfekte Naht noch die Spannung der Fadenanzugsfeder leicht nachstellen, was aber bei vielen Maschinen auch relativ einfach möglich ist.
Die Fadenanzugsfeder dient dazu die unvermeidlichen Abweichungen von Greiferfadenbedarf (welcher ja noch zusätzlich von der Stichlänge abhängig ist) und vom Fadenanzugshebel auszugleichen. Wenn der Faden beim Fadenanzug nicht schnell genug weggezogen wird erwischt ihn häufig die Nadel (was unweigerlich zu Fadenbruch führt) oder wenn die Fadenanzugsfeder länger weiterzieht kann sich keine ausreichende Schlinge für den Greifer bilden und die Maschine lässt Stiche aus oder der Greifer sticht den Faden an (ebenfalls wieder Fadenbruch).
Die Fadenanzugsfeder und deren korrekte Einstellung ist eines der am meisten unterschätzten Bauteile bei einer Nähmaschine, weil kaum jemand (der sich nicht intensiv mit den Stichbildungsprozessen beschäftigt hat) deren Funktion richtig einschätzen kann. Als Unwissender kann man ja nicht unterscheiden woher ein Problem kommt, sondern sieht nur das "Miststück" lässt schon wieder Stiche aus. Probiert vielleicht noch andere Nadeln oder Fäden ... und kommt gar nicht auf die Idee das 1mm mehr oder weniger Weg bei der Fadenanzugsfeder das Problem lösen würde.
Diese anfangs schwer verständlichen Vorgänge führten zu Beginn meines Nähmaschinentechnikerdaeins dazu dass ich mir ein Stroboskop gebaut habe mit dem ich diese Vorgänge am lebenden Objekt (also der nähenden Nähmaschine) beobachten konnte. DIese Beobachtungen sind extrem lehrreich und ich habe sie jahrelang sehr ausgiebig mit meinen Lehrlingen durchgeführt. Dabei sieht man extrem deutlich und in Echtzeit die Einflüsse von winzigen Kleinigkeiten bei der Fadenführung auf die Schlingenbildung und damit den Stichbildungsprozess. Wir haben es mit unterschiedlichen Bewegungsmustern (oszilliernd und gleichförmig), Elastizitäten (von der Maschine selbst, über alle Hebel, Fadenanzugsfeder, Presserfussfeder, Faden und Nähgut ...) zu tun die wir bei statischer Betrachtung erstmal gar nicht erfassen/verstehen können. Erst durch das Studium der dynamischen Vorgänge (und heute vermutlich angenähert durch Software) kann man diese Schwingungen/Resonanzen im Gesamtsystem "Nähmaschine" erfassen und verstehen.
Interessante Momente bei unseren Beoabachtungen waren immer die nähere Betrachtung von einzelnen Resonanzfraquenzen, wo man dann sieht wie sich die Wege von oszillierenden Bauteilen verändern und sich Schlingenbildung und Fadenverhalten extrem verändern. So kann es vorkommen das eine Maschine bei allen Geschwindigkeiten perfekt näht ... aber bei der Annäherung an
EINE Resonanzfrequenz (z.B. 3350 Stiche/min) beginnt sich plötzlich die Schlinge um bis zu 180° um die Nadel herum zu drehen! Damit kann in so einem Fall keine Stichbildung mehr stattfinden, obwohl die Maschine bei 3300 St/min und 3400 St/min noch perfekt näht. Oft reicht dann bei solchen Situationen in einer Fadenführung ein Loch mehr oder weniger einzufädeln um diese Problem zu vermeiden. Aber das ist eben immer von diesem einen Faden, von diesem einen Stoff und von jeder einzigen Einstellung an der Nähmaschine abhängig.
Unter vielen anderem, waren auch die rotierenden Fadengeber Versuche solche Resonanzprobleme aufgrund oszillierender Bewegungen durch gleichförmige Bewegungen abzumildern.
Missachtet mir also eure wohl eingestellten Fadenanzugsfedern nicht und ehret ihre Kunst!
Nebenbei ... Situationen welche durch die angestochenen/aufgedrehten Fäden entstehen können, führen auch manchmal zu blockieren des Greifers und können (besonders bei schweren Nähmaschinen ohne Sicherheitskupplung) durch die auftretenden Kräfte zu einer Zerstörung der kompletten Maschine führen. Solche Situationen unter
stark welchselnden Nähbedingungen bei Haushalts- und Gewerbemaschinen waren auch die Gründe für die Entwicklung der heute oft eingesetzten gefederten Greiferbahnabeckungen (Pfaff 138 bis Hauhaltsmaschinen).
Konklusio: Der Fadenumlenkbügel vereinfacht die Umstellung bei wechselndem Nähmaterial und hilft Probleme zu verringern.
Herzliche Grüsse vom Sputnik