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Kann eine Nähmaschine 1,5 mm Polycarbonat verarbeiten?
Verfasst: Mittwoch 4. November 2026, 22:40
von Flickflak
Heute habe ich einer jungen Französin geholfen, die neue Fenster in ein Bootsverdeck einnähen wollte. Zunächst ging es nur um 1,5 mm dickes, transparentes Polycarbonat, das als Fenster dienen sollte. Ich verwendete eine Dürkopp 291 mit einer 140er Universalnadel und Serafil 20-Garn. Serafil 30 und 40 wurden ebenfalls getestet.
Leider war der Oberfaden nach etwa 10 Stichen verschlissen. Die Nähmaschine hatte hingegen keine Probleme mit sechs Lagen LKW-Plane.
Die Reibung zwischen Nadel und Material war beträchtlich, sodass ich den Nähfußdruck auf maximal 20 kg einstellen musste.
Mich würde interessieren, ob es realistisch ist, dieses Material zu verarbeiten, und ob es dabei etwas zu beachten gibt.
Ich war darauf überhaupt nicht vorbereitet, aber anscheinend können andere darin nähen. Vielleicht kommt es darauf an, was man vor dem Nähen über und unter die Polycarbonatplatte legt.
Ich denke, das richtige Nähgarn wäre Serabond oder vielleicht Tenara. Aber im Moment wollen wir erst einmal herausfinden, ob unsere Nähmaschine dafür geeignet ist.
Ich habe auch dieses YouTube-Video gefunden:
.
Das ist eine Anleitung von Sailrite. Dort wird das Fenstermaterial als Vinyl bezeichnet – ist es also Polycarbonat? Das Material wirkt etwas weicher als 1,5 mm Polycarbonat.
Re: Kann eine Nähmaschine 1,5 mm Polycarbonat verarbeiten?
Verfasst: Mittwoch 4. November 2026, 22:46
von Achim (js_hsm)
Als Fenster in Kuchenbuden und Sprayhoods verwendet man PVC Folie. Die lässt sich sauber durchstechen wogegen Polycarbonat scharfe Kanten bildet die das Garn schädigen.
Re: Kann eine Nähmaschine 1,5 mm Polycarbonat verarbeiten?
Verfasst: Mittwoch 4. November 2026, 23:33
von Flickflak
Danke, Achim.
Ich habe im Internet noch etwas recherchiert und vielleicht gibt es eine etwas neuere Technik zum Nähen von Polycarbonat. Dieser Artikel beschreibt das Thema kurz und empfiehlt die Verwendung von Nadeln mit Diamantspitze. Außerdem wird üblicherweise eine Dicke von 60 mil (1,5 mm) verwendet.
https://marinefabricatormag.com/2010/01 ... nclosures/
Grüß, Viggo
Re: Kann eine Nähmaschine 1,5 mm Polycarbonat verarbeiten?
Verfasst: Donnerstag 5. November 2026, 00:13
von sputnik
Wie Achim schon schrieb hast Du bei Polycarbonat immer scharfe Kanten die den Faden aufreiben ... und ausserdem bilden sich beim nähen Risse im Material zu zum späteren splittern/zerbrechen führen. Deshalb wird Polycarbonat wenn etwas aus Halbzeug ( = Platten/Stangen) baut nach dem schneiden gefeilt/geschiffen und geschabt ... damit sich eben später keine Risse bilden. Polycarbonat ist das Material aus dem die "Jewel Cases" ( = CD-Hüllen angefertigt werden). Die werden mit Spritzguss hergestellt und zerbrechen trotzdem häufig. Hast Du Dich schon mal über zerbrochene geärgert?
Also warum nicht was geeignetes wie PVC oder Vinyl verwenden?
Herzliche Grüsse vom Sputnik
P.S.: Die Autosattler verwenden auch alle PVC für die Scheiben im Cabrioverdeck ... die halten dann auch jahrelang bei 200 km/h ...

Re: Kann eine Nähmaschine 1,5 mm Polycarbonat verarbeiten?
Verfasst: Donnerstag 5. November 2026, 07:24
von Jukianer
Ich habe mal versuchsweise Alublech mit einem Gurt vernäht. Es war bloß die Neugierde. Das hat nach einigen Einstellarbeiten an der Maschine mit einer 160er Nadel und 10er Serafil auch funktioniert. Anschließend habe ich die Naht aufgetrennt. Wie schon die Vorschreiber bemerkten - das Übel sind die auftretenden Grate am Blech beim Nähen. Genau so dürfte es auch beim harten PC sein. Wie soll eine Naht halten, wenn der Faden ständig an Graten scheuern kann.
Das einzige, was mir dazu einfällt, wäre die PC-Folie vorher zB. im 4 mm Abstand der Naht entlang zu bohren und diese entgraten. Danach nach diesen Bohrungen nachnähen. Ob ein solcher Mehraufwand dafürsteht, ist eine andere Frage. Bei mir wäre das mit meiner CNC Fräsmaschine kein Problem bzw. leicht erledigt, aber wer hat schon so ein Gerät. Vorlochen mit so einem Kamm würde ich ausschließen, da gestanzt und so die große Bruchgefahr existiert.
Diese Möglichkeit ist mir deshalb eingefallen, weil ich mal eine Uraltschultasche (Ranzen) nachgenäht habe. Ich trennte die alten Nähte auf und nähte genau nach diesen alten Stichen im Abstand von 4 mm wieder nach. Das hat mit der Schusternähmaschine (Singer 29K) aussergewöhnlich gut funktioniert.
Grüße Anton
Re: Kann eine Nähmaschine 1,5 mm Polycarbonat verarbeiten?
Verfasst: Donnerstag 5. November 2026, 08:40
von Flickflak
Vielen Dank für Ihren Beitrag.
Ja, ich hatte genau dasselbe Gefühl, dass die Grate an den Lochrändern den Faden beschädigen. Offensichtlich waren die Originalfenster aus Polycarbonat. Die Dame erwähnt außerdem, dass die Ränder beidseitig mit Sunbrella-Vinyl vernäht sind, was die Wahrscheinlichkeit verringern könnte, dass die Grate den Faden beschädigen.
Das erste Video oben zeigt, dass es anscheinend einige gibt, mit denen man Polycarbonat erfolgreich mit einer Nähmaschine bearbeiten kann. Ob die Verwendung von Polycarbonat eine schlechte Idee ist, hängt wahrscheinlich auch von der Fertigung auf dem Boot ab, und darüber weiß ich nichts. Ich stimme aber zu, dass die Verarbeitung mit Vinyl einfacher und wahrscheinlich auch meist die beste Lösung ist.
Vorbohren wäre vielleicht eine Option. Die offene Werkstatt verfügt über eine CNC-Maschine für Holz, die eine Fläche von 1,2 x 2,4 m bearbeiten kann. Könnte es dann Probleme geben, das Nähmaterial mit der Nähmaschine richtig zu positionieren, sodass die Nadel die Löcher trifft?
Grüß, Viggo
Re: Kann eine Nähmaschine 1,5 mm Polycarbonat verarbeiten?
Verfasst: Donnerstag 5. November 2026, 09:45
von Jukianer
Das hab ich mit der Schusternähmaschine bei der alten Schultasche außergewöhnlich gut hinbekommen in die alten Stiche hineinzufinden. Ganz langsam nähen ist Voraussetzung und den Nähfuß nicht zu stark einstellen. Die Nadel zentriert sich regelrecht in die Bohrung.
Ob sich der Aufwand lohnt ist eine andere Sache und ist eine kleine Spielerei.
Die Nähte beim Bild sind nach dem Entfernen der alten neu. Die alten Nähte waren wegen des Alters regelrecht gebrochen gewesen.
Grüße Anton.
Ps: Kannst ja auf einen kleinen Versuch machen. Ich mache bei "Spezialitäten" immer einen Nähversuch.
Re: Kann eine Nähmaschine 1,5 mm Polycarbonat verarbeiten?
Verfasst: Donnerstag 5. November 2026, 12:30
von Makatea
Wenn es unbedingt Polycarbonat sein muß, obwohl, wie Sputnik erwähnte, auch bewährte, elastische Materialien existieren,
dann würde ich das Fenster einfach mit dem Planenmaterial verkleben.
Damit es gut aussieht, kann man dann auf der anderen Seite auch nochmal Streifen über der Klebestelle platzieren.
Re: Kann eine Nähmaschine 1,5 mm Polycarbonat verarbeiten?
Verfasst: Freitag 6. November 2026, 12:22
von Noffie
sputnik hat geschrieben: Donnerstag 5. November 2026, 00:13
Wie Achim schon schrieb hast Du bei Polycarbonat immer scharfe Kanten die den Faden aufreiben ... und ausserdem bilden sich beim nähen Risse im Material zu zum späteren splittern/zerbrechen führen. Deshalb wird Polycarbonat wenn etwas aus Halbzeug ( = Platten/Stangen) baut nach dem schneiden gefeilt/geschiffen und geschabt ... damit sich eben später keine Risse bilden.
Polycarbonat ist das Material aus dem die "Jewel Cases" ( = CD-Hüllen angefertigt werden). Die werden mit Spritzguss hergestellt und zerbrechen trotzdem häufig.
Die Visiere bei einem Helm (Motorrad usw) werden aus
Polycarbonat gefertigt. - Hast Du Dich schon mal über ein zerbrochenes Visier geärgert?
die Klarsichthülle einer CD hingegen besteht aus Polystyrol =>
https://de.wikipedia.org/wiki/CD-%2C_DV ... rpackungen
unbeachtet dessen ist das Problem die scharfe Schnittkante was sich nur durch einen vor dem Vernähen durchzuführenden Arbeitsschritt ( Bohrung und Abrunden des Stichloches) verbessern lässt.
Es ist aber unnötig, wenn man geeignete transparente Materialien aus der Segelmacher Branche verwendet und nicht versucht mit dem Kopf durch die Wand (oder einer Nadel durch Polycarbonat) zu stoßen.
Re: Kann eine Nähmaschine 1,5 mm Polycarbonat verarbeiten?
Verfasst: Freitag 6. November 2026, 12:25
von Jukianer
die Klarsichthülle einer CD hingegen besteht aus Polystyrol
....aber nicht die CD, die ist aus PC.
Grüße Anton