Neu-Zugang

Alte und selten gewordene Maschinen, oft als Dekoobjekte zu finden.
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Klaus_Carina
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Re: Neu-Zugang

#11 Beitrag von Klaus_Carina »

shy Danke.

Haid und Neu (zwei Mechaniker haben bereits 1860 eine Reparaturwerkstatt für Nähmaschinen aufgemacht und ab 1860 begonnen, Nähmaschinen selbst herzustellen. Es wurden unterbrochen vo Kriegsproduktion im WK1 ca. 20.000 Maschinen im Jahr hergestellt - und zumeist gingen die wie auch bei Gritzner in den Export. (Gritzner begann erst 1872!) - wurde aber die größte deutsche Nähmaschinenfabrik mit Anfang des Jahrhunderts 600 NMS/Tag - Mehr als die Gesamtproduktion der Bielefelder Nähmaschinenindustrie der Zeit.

Im Krieg WK2 wurde die NMS-Industrie in Karlsruhe schwer getroffen - Haid und Neu wie auch Gritzner hatten da keine bzw kaum Fertigung mehr - erst ab 48 scheint auch Haid und Neu wieder auf die Beine gekommen zu sein. Da aber 1952 ein deutlicher Umsatzeinbruch für den gesamten Nähmaschinenmarkt in Deutschland kam, wurde es für alle Hersteller schwer. Außerdem hat es auch bei Haid und Neu kräftig gebrannt - sogar mit Todesopfer. Haid und Neu hatte noch eine Tochterfirma "Torpedo", die auch NMS herstellte. Der fehlende Absatz in D aber hat für so viele Hersteller nicht gereicht. 1958 wurde Haid und Neu von Singer aufgekauft, Gritzner-Kayser von Pfaff und 1960 war wohl das endgültige Ende von Haid und Neu.

Betrachte ich die Steuerungen der diversen Marken, so fällt auf, dass diese bei der Primatic 12 Steuerscheiben sich auf Stichbreite und Lage beschränken - verglichen z.B mit der ELNA 2 irgendwo ein Nachteil, da bei der ELNA in der zweiten Ebene der Steuerscheibe auch die Stichlänge automatisch anpasst. Doch denke ich, ist dieser "Mangel" nicht der Grund, warum die Nähmaschine hier in D so abfiel.

In den Unterlagen, die ich vom Stadtarchiv zu Gritzner ausgeliehen bekam fand ich folgendes als Zeitungsartikel: Gritzner hat von der GfK (Gesellschaft für konsumforschung) damals Daten erheben lassen - zum einen gab es da die statistischen Werte, dass 1953 die durchschnittliche Kaufkraft bei 420Mark/Mon lag (was ich für recht hoch halte, da ein Facharbeiter ca 300DM brutto im Monat verdiente) von denen 43% für Ernährung, 15% fürs Wohnen, 3,5 für Genussmittel(Tabak) und 3,5% für Ratengeschäfte verwendet wurden. Bezogen auf die Nähmaschine wollten damals nur 6% der Kunden elektrischen Motor, 90% wollten Fußantrieb. Und ich denke es hat sich damals auch ein Wandel in den Interessen der Familien ergeben - Der Umschwung zur mobilen Gesellschaft mit den Kleinwagen der damaligen Zeit - weg vom Motorrad - geschütztes Reisen trat in den Vordergrund.

Und die Konfektionskleidung war dank Versandhandel stark im Kommen - zumal zwar zu der Zeit die Näh-interessierten für Stickerei oder Ziermustern die Geradstichmaschinen nutzen konnten, mit Zickzack das wesentlich erleichtert wurde - da waren die automatischen Maschinen "reiner Luxus" - der längst nicht mehr den Trend und die notwendige Um-Näherei mit Verziererei der Kleidung (aus allen möglichen Stoffen umgearbeitet) nach dem Krieg fortsetzte. Moderne Stoffe der 50iger Jahre haben diese "Stickerei" durch klare Linien abgeschafft - in den 60igern kamen die klaren Linien der skandinavischen Möbel nach D und ersetzten das Gelsenkirchner Barock.
Anker DZ-BR, F, RZ Auto,
ELNA II (BR1 u.3), Transforma,
Gritzner FK, FZ, GU, GU-K, HZB, VG, VZ,
Haid & Neu LZ, Primatic,
Necchi 512, 542, 545, 559, 592, Nora
Phoenix 353 A, 383 8K, ZZ Gloria,
Singer 18, 28, 316 G

duesenberg
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Re: Neu-Zugang

#12 Beitrag von duesenberg »

Danke für die ausführliche Abhandlung zu Haid & Neu, aber auch zur Technikgeschichte.
Hochinteressant!

carco
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Re: Neu-Zugang

#13 Beitrag von carco »

Damals war es durchaus üblich eine Nähmaschine mit Ratenzahlung zu erwerben. Das war auch oftmals der Grund warum es die damals sehr teuren Maschinen in die Haushalte geschafft haben.
Aber schon vor dem Krieg haben viele Nähmaschinenhersteller Ratenzahlung zugelassen.
In den Sechsziger Jahren kam vermehrt Konfektionsware aus dem Ausland ins Land. Wie schon erwähnt hatten die großen Versandhäuser entscheidend daran mitgewirkt.

Die Zeit der Haushaltsnähmaschinen ging aber schon gegen mitte der Fünfziger Jahre sehr stark zurück.
Viele deutsche Firmen spezialisierten sich auf Industrie- und Spezialnähmaschinen. Bei diesen Maschinen waren sie lange Jahre ziemlich konkurrenzlos.

Wie gut diese Maschinen waren und noch sind, kann man in jeder Änderungsschneiderei sehen. Sehr viele von denen arbeiten noch mit Pfaff und Dürkopp/Adler Schnellnähern aus den Fünfziger und Sechsziger Jahren.

Nur langsam setzen sich deren Nachfolger, meist von Juki durch.

Bei den Polsterern sind die alten Maschinen noch immer sehr beliebt. Sie sind rubust und oft selbst gut einzustellen.

Grüße

Carco
Pfaff 130 - 134 - 138-6 - 145H2 - 545H3 - Pfaff W&G, Phoenix R - 429-50, Singer 12 - 28 - 29 - 15D-88 - 66 - 201K, Sunbeam TT90, Unknown, Winselmann Titan, Triumph TR4, Frister & Rossmann...

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