Wer kennt diese alte Nähmaschine ?

Alte und selten gewordene Maschinen, oft als Dekoobjekte zu finden.
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Ralf C. Kohlrausch
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Re: Wer kennt diese alte Nähmaschine ?

#11 Beitrag von Ralf C. Kohlrausch »

Manohara hat geschrieben: Meine Vermutung ist, dass es Zeiten gab, da war Ästhetik viel selbstverständlicher in alle Bereiche eingebunden, also auch bei Maschinenbauern normal.
Aber genau das weiß ich nicht wirklich ... deswegen meine Frage smile

Moin,

weniger Teile, in die man reinfassen und sich die Pfoten quetschen kann. Und speziell bei den Nähmaschinenformen und -gestellen: Leichteres Staubwischen. Das muss die betroffenen Hausfrauen damals im Wortsinne sehr beschäftigt haben, nachdem die Ästheten in den Herstellerwerken sich ausgetobt hatten.

Gruß
Ralf C.

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Manohara
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Re: Wer kennt diese alte Nähmaschine ?

#12 Beitrag von Manohara »

nachdem die Ästheten in den Herstellerwerken sich ausgetobt hatten.
na ja ... das sehe ich etwas anders.

Die Hersteller heute sind am Staubwischen nach meinem Erleben nur sehr begrenzt interessiert.

... und selbstverständlich sollte Funktion - wozu das Staubwischen gehört, wie auch die Herstellung und die Entsorgung - nicht hinter der Ästetik her hinken ...

HAD
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Re: Wer kennt diese alte Nähmaschine ?

#13 Beitrag von HAD »

Als Ingenieur habe ich mich auch oft mit der Frage beschäftigt.

Zum einen gibt es seit der Bauhausbewegung einen Hang zur modernen Sachlichkeit, nicht nur in der Architektur. Ähnliches ist ja auch im Automobildesign zu sehen, welches getrieben vom cw-Wert dazu führt, dass heute, wie es mal ein Kollege nett ausdrückte, alle Autos gleich wie ein Stück benutzte Seife aussehen. Na ja, fast so...

Dennoch diente früher manche Verzierung auch einem technischen Zweck, denken wir nur an die Türmchen am Ende gotischer Strebebögen an den großen Kathedralen, die durch ihr Gewicht die Kräfte zumindest teilweise nach unten leiten sollten. Bei der gezeigten Bandsäge dienten die Löcher in den wohl gegossenen "Schutzblechen" klar der Gewichtsminderung. Geschwungene Speichen in Handrädern, Ventilbetätigungen, Handbremsrädern bei der Eisenbahn, an Winden von Schiffen, auch bei manchen Nähmaschinen, vor allem für Leder, sollten einerseits beim Drehen, Lösen oder Festziehen mehr Kraftangriff bieten, bei drehenden Teilen aber auch die Verletzungsgefahr durch weniger abruptes "Abweisen" gegenüber geraden Speichen mindern. Natürlich nützte das nur in der Hauptrichtung. Ausserdem wurde der Verzug durch Schrumpfung beim Abkühlen nach dem Gießen gemindert. Auch die verzweigten Speichen vieler Nähmaschinenhandräder dienten diesem Zweck. neben dem schmaleren Eingriff für die Federtöpfe der Handkurbelausleger. Notwendig und leichter wären viel weniger gerade Speichen, wie bei meiner unbekannten Dürkopp. Aber da wäre ein Hineingreifen schon bei Tretantriebsdrehzahlen höchst gefährlich für die Finger. Bei elektrischem Antrieb gab es deshalb bald Vollscheibenhandräder. Gutes Design gab es schon früher, das Ästhetik mit mehrfach ausgeklügelter Funktion verbindet. Man sehe sich vor allem alte Brücken an.

Dennoch glaube ich bei der Stange mehr an die besagte Funktion und die Materialersparnis, wenn zwei Stangen "Rücken an Rücken" aus einem Blechstreifen gefertigt wurden, die die Krümmung an einem Ende benötigen. Ein weiterer Aspekt kann sein, dass damit Spannungen durch das kalte Auswalzen oder Aushämmern der Blechstreifen, das man schon zur Verfestigung/Biegesteifigkeit gern machte, so weniger zur Verwindung bei Freisetzen beitragen. Die Walz-oder Streckrichtung wird so zweifach aus der direkten Stangenrichtung gelegt. Ich durfte vor 45 Jahren noch eine vollständige Metallgrundausbildung machen, wo solche Kniffe verraten wurden.

Gruß
Harald
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HAD
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Re: Wer kennt diese alte Nähmaschine ?

#14 Beitrag von HAD »

Nachtrag zum Staubwischen:

wenn ich bei meinen neuen Maschinen im Haushalt und in meiner Hobbywerkstatt sehe, was ich alles abschrauben muss, um an alle versteckten Staubnester zu kommen, die teilweise die Mechanik blockieren, bezweifle ich dass die Konstrukteure daran wirklich denken. Im Vordergrund steht immer eine möglichst kostengünstige Produktion, kaum noch Wartung oder Reparatur. Nach fünf Jahren ist ein Gebrauchsgegenstand abgeschrieben. Solange reicht es.

Alte Maschinen stehen in modernen Fabriken oft noch nach hundert Jahren in einer Ecke für Kleinserienfertigung herum und funktionieren trotz 20facher Abschreibung noch immer. Das hat nichts mit Nostalgie zu tun. Heute wären solche Maschinen nicht mehr wirtschaftlich herzustellen.

Harald
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Manohara
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Re: Wer kennt diese alte Nähmaschine ?

#15 Beitrag von Manohara »

nicht mehr wirtschaftlich her zu stellen ...
ja, da mag ein "Geheimnis" liegen, was ich als Nicht-Konstrukteur nicht wirklich überblicken kann.

Deine Erklärungen für das Design aus Alten Zeiten gefallen mir.
Das würde bedeuten, dass viel schönes Aussehen auch und besonders in der Funktion begründet war und ist.


An meiner neu gekauften Ulmia-Kreissäge, die sorgfältig durchdacht ist und die viele gute Details hat, musste ich als Erstes lauter Kanten runden und Schraubenköpfe ersetzen, an denen man sich sehr leicht die Finger aufreißen konnte.
Einen der Mit-Konstrukteure habe ich gesprochen und hatte den Eindruck, dass er an Guter Funktion durchaus interessiert- und darum bemüht war.

Zum Beispiel bei Autos denke ich oft darüber nach, was ich besser machen würde, wenn man mich endlich Mal fragte.
Ganz nützlich fände ich, wenn die Materialien nicht beim Altern immer unansehnlicher würden.
Ein guter Ledersessel oder ein Holztisch kann durch seine Alterung gewinnen.
Waschbecken werden billig und millionenfach hergestellt ... warum keine Auto-Karosserien aus Edelstahl?
Da wärden dann auch kleine Dellen kein optischer Nachteil.
Im Deutschen Museum steht ein Porsche aus V2A ... das sieht einfach klasse aus. (der ist allerdings leider noch nicht verdellt ;) )

Besonders an den Türkanten, die immer irgendwann irgendwo anschlagen, finde ich, gehört eine Vorsorge hin. Ein Gummi-Schutz oder sowas. Ich würde es auch hinbekommen, dass das gut aussieht. das wäre für mich weit wichtiger als mancher Spoiler biggrin
Und um die Schlösser herum ....

Die drehbaren Dreiecks-Fenster vom alten Käfer (und anderen Autos), in der Tür vorne, vermisse ich bis heute.
Viele Monate sind damit ohne Klimaanlage gut ertäglich. (aus Bequemlichkeit mache ich heutzutage das Fenster immer seltener auf)

Na ja, ich will nicht zu viel meckern ... sehr viel besser als zwischen 1970 und 1990 (wann war das ausgemergelte Kantendesign zu Ende?) sehen die heutigen Autos für meinen Gescmack schon aus ....

Ralf C. Kohlrausch
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Re: Wer kennt diese alte Nähmaschine ?

#16 Beitrag von Ralf C. Kohlrausch »

Manohara hat geschrieben:
nachdem die Ästheten in den Herstellerwerken sich ausgetobt hatten.
na ja ... das sehe ich etwas anders.

Die Hersteller heute sind am Staubwischen nach meinem Erleben nur sehr begrenzt interessiert.

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Re: Wer kennt diese alte Nähmaschine ?

#17 Beitrag von Manohara »

Zitat aus der österreichischen Nähmaschinen-Zeitung:

"ein Ende mit aller Staubfängerei"

:lol27:

Okay wink

Mr Pfaff
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Re: Wer kennt diese alte Nähmaschine ?

#18 Beitrag von Mr Pfaff »

Also die Verschnòrkelungen bei z.b. Nähmaschinengestell hatte beim Gießen einen Vorteil , weil das ganze dadurch etwas ,, federn " konnte und beim Abkühlen nicht so leicht brechen / reissen konnte . Die Ästhetik dabei war ein kleiner Nebeneffekt. biggrin
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Kauz
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Re: Wer kennt diese alte Nähmaschine ?

#19 Beitrag von Kauz »

Manohara hat geschrieben: Waschbecken werden billig und millionenfach hergestellt ... warum keine Auto-Karosserien aus Edelstahl?
1.
Du betrachtest das von der falschen Seite aus. Autos sind klassische Konsumgüter, und immer wieder reparierbare Autos mit Edelstahlkarosse wären so ziemlich das schlimmste nur vorstellbare Szenario für die Firmen die damit viel Geld verdienen wollen.

Nicht mehr ganz aktuell, aber ein ganz guter Einstieg in das Thema.
https://www.youtube.com/watch?v=xaQyoAt6O58

2. "Edelstahl"* lässt sich AFAIK deutlich schlechter tiefziehen als normales Tiefziehblech aus Stahl. Ich weis auch nicht wie sich das mit der Dauerfestigkeit und Rissbeständigkeit von Edelstahl verhält. Hammergeil wäre es wenn es funktionieren würde. Zumindest für mich als Nutzer biggrin .

Die Form alter Maschinen die zum grossen Teil aus Grauguss bestehen wird auch nicht unerheblich durch die Eigenheiten von Grauguss bestimmt, wie dies meine Vorredner schon ansprachen. Das betrifft zum einen die Aushubschrägen zum Giessen an sich, des weiteren ist Grauguss sehr druckstabil (ca viermal soviel wie normaler Stahl) kann aber nur geringe Zugkräfte aufnehmen. Dadurch besteht bei scharfen Innenecken hohe Rissgefahr durch die Kerbwirkung der Ecke, was man durch Rundungen abmildert. Schneckenförmige Speichen alter Gussriemenscheiben bei Transmissionen können in einer Richtung deutlich mehr Drehmoment übertragen da die Speichen eben vermehrt auf Druck belastet werden, was Guss wie gesagt gut abkann. Damals versuchte man Maschinen zu verkaufen die langlebiger waren, und hat sie entsprechend konstruiert, die heutige Zeit ist viel kurzlebiger, *was lange hält das bringt kein Geld*, und heute legen die Menschen deutlich mehr Wert auf aktuelles Aussehen und aktuelle Features. Und wenn es nur ist um zu zeigen das man es sich leisten kann.


* lies "säure und rostbeständiger Stahl", "Edelstahl" ist eigentlich noch was anders, aber das nur am Rande.


Gruß Kauz

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Manohara
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Re: Wer kennt diese alte Nähmaschine ?

#20 Beitrag von Manohara »

"Edelstahl"* lässt sich AFAIK deutlich schlechter tiefziehen als normales Tiefziehblech aus Stahl
ja, ich weiß, damit wird immer begründet, dass Karosserien nicht daraus gemacht werden.
Deswegen habe ich die waschbecken erwähnt, die wirklich nicht teuer sind, in sehr hohen Stückzahlen produziert werden und tiefe Rundungen haben.

Ich bin übrigens nicht der Meinung, dass ewig lebende Produkte nur Vorteile haben.
Die technische Entwicklung geht unter anderem deswegen so rasant, weil die permanente Entwicklung auch finanziert wird ...

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