Vintage Sattelstich Maschine

Hier können alle Technischen Dinge eingetragen werden, die nicht Marken oder Hersteller spezifisch sind.
Also diese die Technisch in allen Nähmaschinen vom Grundprinzip her gleich sind.
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Mikeleh72
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Vintage Sattelstich Maschine

#1 Beitrag von Mikeleh72 »

IMG_0059.jpeg
Wer kann mir helfen? Kennt jemand von euch diesen Maschinentyp aus den 50ern? Wie oder wo finde ich so was?
https://youtu.be/a6KnHKJkJzI?si=IpEj0cGxucspaiHc
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Mit der Pfaff 260 Automatik zurück zu den Wurzeln. Und mit einer 145 wird's noch besser! Neu dazu eine Pfaff 138er und eine Bruce 562 ADI Coverlock, die natürlich nicht den Charme wie die Doppelkettenstichmaschine Exacta hat...

sputnik
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Re: Vintage Sattelstich Maschine

#2 Beitrag von sputnik »

Du brauchst nur hier im Forum in der Suche das Wort "Sattelstich" einzugeben um weiter Infos zu erhalten -> https://www.naehmaschinentechnik-for ... attelstich.

Da findest Du die Maschinen und die Erklärung wozu die genutzt wurden.

Häufig gehts ja bei Mode darum Sachen vorzutäuchschen die gar nicht ds sind was sie scheinen. So wird z.B. bei hochwertiger Herrenoberbekleidung gerne am Ärmel Knopflöcher vorgetäuscht die gar keine sind sondern nur so Aussehen. Diese werden häufig mit einer Reece S2 Einfadenkettenstichmaschine genäht und haben den Vorteil gegenüber einem echten Knopfloch dass sie durch den Kettenstich leicht wieder aufgetrennt werden können um die Ärmellänge anzupassen. Ebendo täusch man mit diesen Sattelstichmaschinen eine Handgenähte Rrverskante vor. Die Oberseite sieht wie Handgenäht aus und die Unterseite ist im Revers versteckt.
Das Orginal ist eben wenn ein Schneider mit einer normalen Nähnadel das händisch näht.
Früher gab es noch keine Verklebungen und so musste Ausstaffierung, Polsterung und Formen durch nähen fixiert werden. Dafür verwende man eben z.B. Rollpikieren damit der Revers sich in die richtige Richtung wölbt oder fixierte die Reverskante eben mit einer Handnaht. Dann wurde gebügelt und wenn man in den Regen kam musste man wieder zu Schneider. Seit den 1950er Jahren gibt es Möglichkeiten mit Vlieseline, Polsterwatte und Verklebungen denselben Effekt schneller, gleichmässiger und haltbarer zu erreichen. Das ist der Grund warum heute nicht mehr rollpikiert wird. Die Reverskante müsste man gar nicht mehr absteppen wenn sie durch gute Schnittkonstruktion & Vliesline fixiert ist und man könnte sie auch mit einer normalen Steppstichnaht qualitativ gleichwertig fixieren, aber aus modischen Gründen imitiert man eben eine Handnaht.

Es gibt für diese Naht auch echte Handnahtmaschinen (z.B. von AMF/Reece, Porkert und Juki) die oben und unten eine Nadelstange haben und eine doppelspitzigen Nadel zwischen den beiden Nadelstangen übergeben. Die haben aber den Nachteil dass sie gross, schwer, langsam und teuer sind und systembedingt nur mit abgeschnittenen Fadenstücken (wie bei einer echten Handnaht) nähen können. Juki hat es sogar in geschafft die Handnahtsmaschine so zu optimieren dass sie mit normalen hochwertigen Fäden nähen kann (AMF, Reece & Porkert brauchen dafür spezielle gewachste Fäden).

AMFReece -> https://www.yamato-sewing.com/en/produc ... deco2000y/
Die Firma Porkert aus Bayreuth, bei der ich diese Maschinen kennenlernen durfte, gibt es schon länger nicht mehr.

Von Juki gib/gab es? eine sehr ähnliche Weiterentwicklung der AMF/Reece Maschine die auch normale Fäden verweden kann und auch eine Sattelstich Maschine die diesen Sattelstich (billiger & schneller) näht.

Die günstigste Möglichkeit diese Naht optisch zu imitieren ist eben diese Sattelstichnaht.
Der Nachteil ist aber das es eine reine Ziernaht ist und wenn nicht am Ende gut fixiert sich auch leicht wieder auftrennen lässt (was auch der Herr im Video erklärt und zeigt).

Juki -> https://www.juki.co.jp/industrial_e/pro ... =MP-200N_E
Globalsew -> https://globalsew.com/wp-content/upload ... Manual.pdf

Bei der Mode ist eben vieles nur Dekor, vorgetäuscht oder imitiert.

Der Modewechsel beruht auf dem Wunsch nach Veränderung, Abwechslung oder Nachahmung und wird durch unsere gesellschaftliche Entwicklung beeinflusst. Während früher die Kleidung über einen längeren Zeitaum hinweg getragen wurde, geht der modische Wechsel heute sehr schnell vonstatten. So enstehen auch Nähmaschinen/Klassen/Unterklassen die nur wenige Jahre produziert werden und dann wieder nicht weil es eben nicht mehr modern ist (wie z.B. die grossen Knöpfe/Knopflöcher in den 1960er Jahren).

Grüsse vom Sputnik
Und sehen wir uns nicht in dieser Welt
dann sehen wir uns in Bielefeld! (Udo Lindenberg)

Mikeleh72
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Re: Vintage Sattelstich Maschine

#3 Beitrag von Mikeleh72 »

Danke Sputnik,

ich nähe viel Neuzeit und MittelalterGewänder. Mit viel Handstichen, als optische Anlehnung. Da wär' so was genial gewesen. Die Modernen varanten hab' ich alle schon betrachtet sind mir aber zu klobig. Dieser Normalgroße Kopf hatte es mir angetan, der würd' in einen normalen Tisch passen und könnte mir einiges an Handarbeit sparen. Funktionell nähe ich die Sachen antürlich alle mit der Maschine. Es geht hie ja nur um den Look. Erst kürzlich hab' ich einen Vollmantel mit der Hand gestochen. Das dauert ewig....

Na vielleicht hab' ich mal Glück und so was läuft mir in alt über den Weg. Wenn es eh keiner mehr braucht....

Danke für die Ausführliche Erklärung. Ich pikiere übrigens meist von Hand (hab' ich noch bei meinem Urgroßvater gelernt...) und erziele schon recht haltbare Eregbisse. Aufbügeln von Klebevlies mag ich bei so historischen Geschichten eher wenig.

Michael
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Re: Vintage Sattelstich Maschine

#4 Beitrag von Mikeleh72 »

Die Maschine im Video schaut verdächtig nach Pfaff Kopf aus, oder? Hab' da vor längerer Zeit schon mal angefragt und da hatte niemand eine Idee. Dachte es wäre eine Chance, das wieder anzufragen, weil mir die Kopfform der Macshine so bekannt vorkommt. Könnte natürlich auch eine Singer sein...
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sputnik
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Re: Vintage Sattelstich Maschine

#5 Beitrag von sputnik »

Ich glaube nicht dass das auf dem Video eine Pfaff ist und mir ist auch keine Pfaff mit diesem Nahttyp bekannt.
Diese Maschinen werden in der Europäischen Tetxtilindustrie auch kaum verwendet weil die Naht als zu minderwertig angesehen wird. Da wird wenn, schon die Handnahtmaschine vonAMF/Reece oder Juki verwendet. Im Ostblock und im Rest der Welt waren diese Maschinen wesentlich häufiger anzutreffen. Bei unseren lokalen (westeuropäischen) Kunden waren schätzungsweise die 20fache Menge an AMF/Reece/Porkert/Juki als von solchen Maschinen anzutreffen obwohl diese Maschinen ein vielfaches einer Sattelstichmaschine kosten.

In Europa herrscht eine andere Vorstellung von Mode und Qualität als im Rest der Welt. Und wie bereits erwähnt, folgt Mode keinerlei rationalen Überlegungen.
Die Amerikaner und die Asiaten verstehen auch nicht unsere Ansprüche an "hochwertige" Mode nicht. Aber sie bemühen sich häufig die europäische Haute Couture nachzuahmen. Mode ist eben kulturell unterschiedlich und beeinflusst. Und die Mode bestimmt auch welche Nähmaschinen für welche Aufgaben benötigt werden und deren Konstruktion, Entwicklung und Produktion.

In Europa möchte man mit "Qualität" (was auch immer man darunter versteht) protzen. Im Rest der Welt lieber billig produzieren.
Ein Damenhandtäschchen muss doch schon über 5000,-€ kosten wenn man damit protzen will biggrin .

Ein kleiner europäischer Masschneider näht, wenn er sich keine Augenknopflochmaschine leisten kann, seine Knopflöcher händisch (was mit etwas Übung recht schnell geht). Ein amerikanischer/asiatischer würde eher versuchen auf dem Sakko ein Wäscheknopfloch zu nähen (was natürlich aus vielerlei Gründen Murks ist).

Die Chinesen produzieren seit jahrzehnten Hemden wo z.B. die linke/rechte Kragenspitze bis ~1cm unterschiedlich lang ist. Ist dort völlig normal und stört niemand. Und sie verstehen nicht warum das bei uns unverkäuflich ist.

Die Japaner bei Juki waren immer begeistert wenn wir ihnen einen Koffer von bei uns bereits unverkäuflichen, weil schon unmodern geworden, Krawatten mitgebracht haben. Die wurden in Japan zu Goldpreisen gehandelt biggrin .

Alles völlig IRR-rational :lol27:

P.S.: Anektote: Ich war mit einem Lehrling bei einem grossen Wäscheerzeuger eine kleine Durchlauffixierpresse herzeigen. In einer riesigen leeren Halle stand ein alter kleiner Tisch worauf wir die Maschine gestellt haben. Rundherum war mindestens 20m weit alles leer. Dann kamen alle Abteilungsleiter und höherrangigen Mitarbeiter um die Maschine zu begutachten. Nach 15min wünscht der Chef das wir den Tisch mit der Maschine um 90° drehen. Die Maschine wird weiter beäugt ... der Tisch wieder umgestellt ... und das ganze noch einige Male. Der Lehrling tippt mich an und fragt mich leise: "Sind die hier alle verrückt?" was wohl die meisten Betriebsfremden ebenfallsgedacht hätten. Ich habe ihm gesagt das das völlig normal ist und wir nur mitspielen müssen. .....
Nach gut drei Stunden und 10x Tischchenrücken wurde der Kaufvertrag unterschrieben lol
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